Reimar Gilsenbach

„Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren. Zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören wird auf Dauer nur einer Gesellschaft gelingen, deren Ethik sich im Einssein mit der Natur empfindet.“ – Reimar Gilsenbach

In: Sächsische Heimatblätter. 48. Jahrgang, Heft 1/2002.

Ohne Zweifel war sein Leben bewegt. Doch dieses Leben selbst bewegte noch viel mehr. Die Rede ist von Reimar Gilsenbach. 

Reimar Gilsenbach, deutscher Schriftsteller, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist, lebte von 1925 bis 2001 – 76 Jahre voll Idealismus und Kampfgeist. Sein Einsatzgebiet: die Welt – global als auch regional. Sein Feind: Umweltzerstörung sowie ethnische Unterdrückung. Sein Ziel: auf weltweite und regionale Missstände in Umwelt und Gesellschaft aufmerksam zu machen, sie zu beseitigen und Frieden zu stiften. Seine Waffen waren jedoch keinesfalls der Gewalt verwandt. Die Waffen Reimar Gilsenbachs waren die Schrift, der öffentliche Diskurs sowie sein unermüdliches Engagement.

Am 22. November 2001 verlies Reimar Gilsenbach die Welt, für die er sich ein Leben lang einsetzte und hinterließ auf ihr einen ökologischen Fußabdruck der ganz besonderen Art…

Foto: Hannelore Gilsenbach

Das Leben des Reimar Gilsenbach

Gilsenbach wuchs am Niederrhein und in der Sächsischen Schweiz in einer Anachistensiedlung auf. 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Sein Aufenthalt im Krieg endete jedoch in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, nachdem er desertierte, sich der Roten Armee anschloss und sich dort dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ widersetzte. Mit der Rückkehr nach Deutschland, in die DDR 1947 begann Gilsenbachs Einsatz für die Umwelt. Er studierte in Dresden Journalismus und schrieb für diverse Umwelt-Zeitschriften, wie die Sächsische Zeitung oder Natur und Heimat. Sein Schriftstellertum stand unter dem Stern, denjenigen seine Stimme zu leihen, die selbst nur zu gerne überhört werden. Neben unterdrückten Völkern ergriff er vor allem für die Natur Partei. Es dauerte nicht lange und die ersten Werke erschienen, in denen Gilsenbach grundlegende Umweltproblematiken zu Protagonisten kürte. Werke wie „Die Erde dürstet“ (1961), „Herren über die Wüste. Geschichten über das Verhältnis des Menschen zur Natur“ (1963) oder „Peter entdeckt die Welt. Ein Bilderatlas für Kinder“ (1967) erblickten das Licht der Welt. 

Darüber hinaus setzte er sich für die Errichtung des Nationalparks der Sächsischen Schweiz ein. Auch in der Funktion als Mitglied des Zentralvorstands der „Gesellschaft für Natur und Umwelt der DDR“ kritisierte er den problematischen Umgang mit der Umwelt scharf. Als das jedoch zu wenig Veränderungen brachte, nahm er den Wandel selbst in die Hand und gründete in den 1980er Jahren die „Brodowiner Gespräche“. Sie ermöglichten fruchtbare Begegnungen zwischen Künster*innen und Wissenschaftler*innen, die sich gemeinschaftlich kritisch über Umweltthemen austauschten und nach Problemlösungen suchten. Anders als in staatlich organisierten Vereinigungen, denen Gilsenbach beiwohnte, wurde in den „Brodowiner Gesprächen“ nicht nur das technisch Machbare diskutiert, um die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen, sondern darüber hinaus zog man die künstlerische und vor allem die ethische Perspektive mit ein. Es hieß nicht mehr bloß: „Können wir das Problem so lösen?“ Sondern hinzukommend: „Dürfen wir das Problem so lösen?“ Gilsenbach selbst beschreibt die Brodowiner Gespräche folgendermaßen: „Das Dach war der Kulturbund, ihr Wesen Kritik.“ Brodowin blieb aber nicht nur Namensgeber für die kritisch-ökologischen Gesprächsrunden. Das brandenburgische Dorf, das an dem ältesten Naturschutzgebiet Deutschlands liegt, wurde zur Wahlheimat Gilsenbachs. Ferner legte Gilsenbach vor Ort den Grundstein für den Verein „Ökodorf Brodowin e. V.“, der bis heute besteht und für eine naturverträgliche Landnutzung einsteht sowie aktiv am Biotops- und Artenschutz mitwirkt. Nicht zuletzt wurde Gilsenbach 1990 zum Mitbegründer eines Netzwerks ökologischer Bewegungen, dessen Name auch heute noch bekannt und sogar in unserem Haus der Natur vertreten ist: die „Grüne Liga“. Zudem wurde er Mitglied im Romani P.E.N. Zentrum und im Bund für Naturvölker. Landesweite Musik- und Literaturveranstaltungen zum Thema Umwelt, die er vor allem in seinen letzten Lebensjahren gemeinsam mit seiner Frau organisierte, komplementierten seinen Einsatz im Umwelt- und Naturschutz.

Was machte Reimar Gilsenbach besonders aus?

Er wählte keinesfalls den konfliktärmsten Weg. Diskrepanzen mit dem deutschen Staatssystem durchzogen sein Leben. Sei es nun das Widersetzen gegen das NS-Regime, die Weigerung, den Forderungen des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ nachzukommen oder sich dem stalinistischen Sozialismusmodell anzupassen. Ebensowenig vermochte er es bei der unzureichenden Umweltpolitik der DDR wegzuschauen. Stattdessen suchte er den Dialog, sowohl mit den staatlichen Organen als auch mit der Bevölkerung – mit klein und groß. Schlussendlich stieß sein Engagement positive Entwicklungen an. Demnach war sein Weg nicht der leichteste, aber der für ihn gangbare. Weil es ein Weg war, auf dem er seinen Idealen stets treu bleiben konnte. Ideale, die Mensch und Umwelt zu vereinen versuchten. Getragen wurde er von der Überzeugung des Daseinsrechts allen Lebens – also nicht nur des Menschen, aber auch des Menschen. Daran anknüpfend bestand sein übergeordnetes Ziel darin, eine Lebensweise zu etablieren, der es gelinge, Mensch und Umwelt zu harmonisieren. Das heißt, ein moralisch geprägtes Miteinander zu pflegen und zu realisieren, dass man nur gemeinsam existieren könne.

Foto: A. Müller

Weshalb Reimar Gilsenbach für das Haus der Natur von großer Bedeutung ist, das erfahren Sie hier.

Foto: brodowin.de
Foto: brodowin.de
Foto: brodowin.de
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