Reihe DDR-Umweltbewegung

Gesprächsreihe

Aufbruch 89
Umweltbewegung in der DDR

26. Februar – 25. Juni 2009

Moderation: Hellmuth Henneberg

Faltblatt [1.503 KB]

Von der Umweltbewegung in der DDR gingen wichtige Impulse für den Herbst 1989 aus. Smog, Waldschäden, verschmutzte Seen und Flüsse, Braunkohlebergbau oder das Verschweigen der Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe, immer mehr entwickelten sich Umweltprobleme zu einem Konfliktfeld mit den Zuständen in der DDR.

Die Umweltbewegung der DDR war breit und vielgestaltig. Vor allem in den 1980er Jahren gab es ein vielfältiges Engagement für den Natur- und Umweltschutz, das von den Fachgruppen im Kulturbund über die Aktivitäten von Schriftstellern bis zu den immer politischer werdenden Aktionen der Stadtökologiegruppen und der Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche reichte.

Die zunehmend offenere Kritik an der Umweltsituation und den Umweltproblemen in der DDR führte dazu, dass Gruppen und Personen von der Staatssicherheit überwacht und einzelne Aktive auch politisch verfolgt wurden. Vor diesem Hintergrund etablierten sich insbesondere die Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche als eine der Säulen der Opposition in der DDR, deren Aufbruch in den Herbst 1989 mündete.

Im Rahmen der Gesprächsreihe werden Zeitzeugen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf die damaligen Ereignisse zurückblicken. Ziel ist ein offenes Gespräch über das, was die Menschen damals bewegte, warum Sie sich für den Natur- und Umweltschutz engagierten, welche Probleme und Konflikte auftraten, welche Erfolge sie mit ihrem Engagement erzielen konnten und was aus den Hoffnungen und Wünschen nach 1989 wurde.

Die Veranstaltungsreihe wird von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung gefördert.


26. Februar 2009
Unterm grünen Kreuz –
Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche

Gesprächsgäste
:

Rosemarie Benndorf (ehem. Mitarbeit im Erde-Kreis des Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg, Mitarbeiterin im Umweltbundesamt)

Michael Beleites (Autor der Publikation „Pechblende“ über den Uran-Bergbau in der DDR, Beauftragter für Unterlagen der Staatssicherheit des Landes Sachsen)

Carlo Jordan (ehem. Umweltbibliothek Berlin)

Dr. Günter Krusche (ehem. Generalsuperintendent (Ost)-Berlin der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg)

Dr. Maria Nooke (ehem. Ökumenischer Friedenskreis Forst,
Stellv. Direktorin der Stiftung Berliner Mauer)

Christian Grauer (ehem. Umweltgruppe der Erlöserkirche Potsdam)

Moderation: Hellmuth Henneberg


Zu diesem Gespräch wurde Ausstellung „Pflanzzeit – Stationen der Kirchlichen Umweltbewegung in der DDR“ eröffnet. Die Ausstellung ist bis zum 9. April von Montag bis Freitag von 9.00 bis 16.00 Uhr im Haus der Natur zu sehen.


Zum Thema des Gesprächs:
Die Erde ist zu retten – dies war das erste ökologische Grundsatzpapier des Kirchlichen Forschungsheimes Wittenberg, das 1980 veröffentlicht wurde. Es griff die Impulse auf, die von dem 1972 veröffentlichten Buch des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ sowie von den Ökumenischen Weltkonferenzen ausgingen.

Bereits 1979 fanden sich in Schwerin im Rahmen eines kirchlichen Jugendwochenendes junge Menschen zusammen, die entlang einer neuen Straßenbahnlinie in Zusammenarbeit mit dem örtlichen „VEB Grünanlagen“ 5000 Bäume pflanzten. Die Aktion war ein großer Erfolg und wurde bald von kirchlichen Jugendgruppen in der ganzen DDR aufgegriffen. Es entwickelte sich eine regelrechte „Baumpflanzbewegung“, die zur Gründung von Umweltgruppen in vielen Städten führte.

Die Aktivitäten der Gruppen waren vielfältig. Ab 1981 fand auf Initiative des Kirchlichen Forschungsheims Wittenberg jährlich an einem Wochenende um den 5. Juni, dem Weltumwelttag, die Aktion „Mobil ohne Auto“ statt. Umweltbildung wurde auf Treffen im Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg und auf Umweltseminaren in Schwerin oder Berlin selbst organisiert. Unter dem Motto „Erste Hilfe für die Umwelt“ entstand auf dem Evangelischen Kirchentag 1983 in Dresden die Idee, kleine grüne Tonkreuze anzufertigen, die bald zum Symbol der Bewegung avancierten. Und von 1982 bis 1984 kamen jeweils an einem Wochenende Anfang Juli 500 bis 700 Jugendliche zu DDR-weiten Radsternfahrt-Treffen auf das Gelände der Hoffbauer-Stiftung nach Potsdam-Hermannswerder.

Doch als die Gruppen begannen, Tabuthemen wie die Situation in den ökologischen Krisenregionen Espenhain und Bitterfeld, das Waldsterben oder den Uranbergbau der Wismut aufzugreifen, dauerte es nicht lange, bis sie als „Bestandteil der politischen Untergrundtätigkeit“ angesehen und von der Staatssicherheit bekämpft wurden.

In Potsdam etwa wollten Jugendliche 1983 das Waldsterben ins öffentliche Bewusstsein rücken. Dafür sollten abgestorbene Bäume aus dem Erzgebirge zu Weihnachten in Potsdamer Kirchen aufgestellt werden. Doch schon am Bahnhof wurden sie mitsamt der toten Bäume festgenommen. Erst als der Potsdamer Generalsuperintendent Bransch drohte, die Inhaftierung in allen Potsdamer Kirchen bekannt zu geben, wurden die Jugendlichen nach einigen Tagen wieder freigelassen. Ihre „Festidee“ kostete sie aber je 750 Mark Geldstrafe wegen „Rowdytum“.

Überregionale Aufmerksamkeit erregte 1987 der Stasi-Überfall auf die Umweltbibliothek in der Berliner Zionskirche. Beim Druck der „Umweltblätter“ wurden sieben Mitarbeiter festgenommen. Die Aktion zog eine breite Solidarisierung mit den Inhaftierten nach sich und löste eine ganze Kette oppositioneller Aktivitäten aus, die bis zum Herbst 1989 anhielten. Viele Mitglieder der Umweltgruppen beteiligten sich in dieser Zeit an der demokratischen Umgestaltung, an Runden Tischen oder in den neu gegründeten Parteien und Verbänden.

10. März 2009
Prosa und Protest
Schriftsteller für Natur und Umwelt

Gesprächsgäste:

Volker Braun
(Schriftsteller)

Dr. Hannelore Gilsenbach
(Schriftstellerin und Sängerin)

Jurij Koch
(Schriftsteller)

Dr. Ernst Paul Dörfler
(Schriftsteller)

Klaus Höpcke (ehem. stellv. Kulturminister der DDR)

Moderation: Hellmuth Henneberg


Zum Thema des Gesprächs:
1981 rief der Schriftsteller Reimar Gilsenbach in seinem Heimatort Brodowin (Ostbrandenburg, heute Ökodorf im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin) die "Brodowiner Gespräche" ins Leben, die Schriftsteller und Wissenschaftler zum kritischen Diskurs zusammenführten. Der Versuch von Reimar Gilsenbach,im Schriftstellerverband der DDR ein Aktiv für Literatur und Umwelt zu begründen, scheiterte zunächst. Doch im Kulturbund fanden die umweltengagierten Schriftsteller und Autoren Unterstützung.

Die jährlichen Treffen widmeten sich unterschiedlichsten Themen, so 1983 in Brodowin der Gefährdung der Moore und Seen durch die intensivierte Landwirtschaft und 1984 in Gülpe dem Naturschutz. Die Tagung 1985 führte die Autoren nach Grillenburg ins Osterzgebirge. Waldsterben, die Grenzen der Wiederaufforstung, Umweltethik und umweltkritische Literatur in der DDR und der Sowjetunion waren dieser Themen der Tagung. Um Probleme der Wasservernutzung, Energieverschwendung und Umweltpreispolitik ging es 1986 in Wienrode (Ostharz).

Nach dem X. Schriftstellerkongress 1987 gelang den Autoren schließlich, auch im Schriftstellerverband der DDR ein Umweltaktiv zu begründen. Die Tagung in Groß Koschen im ehemaligen Bezirk Cottbus, die im gleichen Jahr stattfand, widmete sich den Folgen des Braunkohlentagebaus und der Energiepolitik der DDR.

Umweltprobleme an der Ostseeküste, Gefahren aus Massentourismus, die Geheim-Hygienepolitik sowie Umwelterkrankungen in der DDR standen auf dem Programm der Tagung 1988 Göhren (Rügen). Das Treffen in Wustrow auf der Halbinsel Darß 1989 zum Thema „Boddensanierung - eine Augenauswischerei?“ stand bereits im Zeichen der beginnenden Umwälzungen. Die Schriftsteller erarbeiteten einen Umweltforderungskatalog, und da gerade Erich Honecker zurückgetreten war, berichtete die Presse erstmal ausführlich über das Treffen. Die Forderungen der Schriftsteller wurden im Herbst 1989 schließlich von neuen Organisationen mit aufgegriffen.

26. März 2009
Landschaft, Gärten, Naturschutz –
das grüne Erbe Brandenburgs

Gesprächsgäste:

Prof. Dr. Klaus-Dietrich Gandert (ehem. Vorsitzender des Zentralen Fachausschusses Dendrologie und Gartenarchitektur im Kulturbund)

Prof. Helmut Rippl (ehem. Leiter des Zentralen Parkaktivs im Kulturbund)

Dr. Christoph Kaatz (Mitbegründer und ehem. Leiter des Arbeitskreises Weißstorch im Kulturbund)

Dr. Lothar Kalbe (ehem. Mitarbeit in der Zentrale für Wasservogelforschung der DDR an der Pädagogischen Hochschule Potsdam)

Johann-Joachim Seeger (ehem. Kreisnaturschutzbeauftragter des Kreises Rathenow und Mitarbeit in der Zentrale für Wasservogelforschung)

Moderation: Hellmuth Henneberg


Zum Thema des Gesprächs:
Über Jahrzehnte engagierten sich in Brandenburg viele Ehrenamtliche für den Schutz und die Gestaltung von Natur und Landschaft. 1949 wurden die bis dahin auf diesen Gebieten bestehenden Vereine als „Natur- und Heimatfreunde“ in den Kulturbund integriert. Eigenständige Vereine wurden in der DDR nicht mehr zugelassen. Der 1945 von Intellektuellen gegründete „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ entwickelte sich zu einer von der SED tolerierten, aber auch kontrollierten Massenorganisation. Die im Kulturbund versammelte fachliche Kompetenz wirkte andererseits auf Politik und Gesellschaft in vielfältiger Weise zurück und führte partiell zu Veränderungen „von unten“.

Bereits am 21.und 22. März 1953 konstituierte sich in Potsdam der „Zentrale Fachausschuss Dendrologie“, der inhaltlich an die Tätigkeit der nach 1945 nicht wieder zugelassenen „Deutschen Dendrologischen Gesellschaft“ anknüpfte. Erster Vorsitzender wurde der Gartenarchitekt Georg Bela Pniower, der in der NS-Zeit mit Berufsverbot belegt war und nach 1945 das Institut für Garten- und Landeskultur an der Humboldt-Universität leitete. Von 1958 bis 1980 stand der Forstmeister Heinrich Bier an der Spitze des Fachausschusses, zu dessen Mitgliedern u.a. der Potsdamer Gartenarchitekt Herrmann Göritz und der Cottbusser Landschaftsgestalter und Bezirksnaturschutzbeauftragte Otto Rindt gehörten.

1963 gründete sich unter dem Dach dieses Fachausschusses das Zentrale Parkaktiv, das sich der Erfassung, Bewertung und der Pflege der etwa 2000 ländlichen Parkanlagen in der DDR zuwandte. Der Zentrale Fachausschuss Dendrologie und Gartenarchitektur befasste sich mit unterschiedlichsten Themengebieten wie Grünanlagengestaltung, Flurgehölzpflanzungen, Rekultivierung und Haldenbepflanzungen, Schutz und Erfassung von Gehölzen, Alleen und Bäumen sowie denkmalgeschützten Parkanlagen und beteiligte sich an der Vorbereitung von Gesetzesvorlagen wie dem Landeskulturgesetz, der Baumschutzverordnung, dem Denkmalpflegegesetz und Parkordnungen.

Im Naturschutz war es neben anderen Fachgebieten vor allem die Ornithologie, die viele naturkundlich Interessierte zur Mitarbeit in Arbeitsgemeinschaften und Fachausschüssen des Kulturbundes zusammenführte. Viele Ornithologen unterhielten in den 1950er Jahre noch Kontakte nach Westdeutschland. Nach dem Bau der Mauer 1961 wurde dies schwierig. So konnten sie sich z.B. nicht mehr an den von der Vogelwarte Helgoland organisierten Zählungen von Wasservögeln beteiligen.

Diese Aufgabe übernahm die „Zentrale für Wasservogelforschung der DDR“, die 1967 durch Prof. Erich Rutschke an der Pädagogischen Hochschule Potsdam gegründet wurde. Hunderte von ehrenamtlichen Mitarbeitern beteiligten sich seitdem an den jährlichen Erfassungen. Ein Erfolg dieser Aktivitäten war der Beitritt DDR zur Ramsar-Konvention 1978. Auf Grundlage dieses internationalen Abkommens wurden in den 1980er Jahren zahlreiche Feuchtgebiete von nationaler und internationaler Bedeutung unter Schutz gestellt, u.a. das untere Odertal. Dort entstand 1995 Brandenburgs erster und einziger Nationalpark.

Auch der 1979 durch den „Erfinder“ der Naturschutzeule Kurt Kretschmann in Bad Freienwalde gegründete Arbeitskreis Weißstorch hatte bald hunderte ehrenamtliche Mitstreiter, die sich für den Storchenschutz in vielfältiger Weise engagierten. Auch für andere Vogelarten intensivierten sich in den 1980er Jahren die Schutzbemühungen durch die Gründung von Naturschutzstationen oder der Bildung von speziellen Arbeitsgruppen.

Wer sich in der DDR für den Schutz, die Pflege und die Gestaltung der Landschaft, für Gartendenkmalpflege und Parkanlagen oder für den Arten- und Naturschutz engagierte, bewegte sich stets in einem Spannungsfeld. Der häufig frühzeitigen institutionellen und juristischen Berücksichtigung dieser Belange, dem starken freiwilligen Engagement kultur- und naturinteressierter Bürger und der oft fortgeschrittenen theoretisch-methodischen und wissenschaftlichen Entwicklung der Fachgebiete standen häufig engstirnige politische Zielsetzungen, teilweise staatliches Desinteresse, materielle Engpässe und die einseitige Bevorzugung wirtschaftlicher Interessen gegenüber. Das jahrzehntelange Engagement hat dennoch vielfältige Ergebnisse hinterlassen, auf die es sich lohnt, zurückzublicken und an die 1990 im Rahmen der neuen Strukturen angeknüpft wurde.

30. April 2009
Von Rheinsberg bis Tschernobyl –
Atomenergie zwischen Aufbruch und Katastrophe


Gesprächsgäste:

Dr. Sebastian Pflugbeil (ehem. Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.)

Michael Beleites (Autor der Publikation „Pechblende“ über den Uran-Bergbau der Wismut in der DDR, Beauftragter für Unterlagen der Staatssicherheit des Landes Sachsen)

Reinhard Dalchow (Pfarrer, Mitgründer des kirchlichen Umweltkreises Menz bei Rheinsberg)

Michael Schönherr (Leiter der Anlage des Kernkraftwerkes Rheinsberg)

Joachim Tschirner (Regisseur, Verfasser eines Dokumentarfilms über die Wismut-Sanierung)

Moderation: Hellmuth Henneberg



Zum Thema des Gesprächs:
Im Rahmen der Gesprächsreihe stand an diesem Abend ein Rückblick auf das Thema Kernenergie und die Entwicklung einer Antiatomenergiebewegung in der DDR in den 1980er Jahren sowie die Beendigung der Kernkraftnutzung im Osten Deutschlands im Zuge des gesellschaftlichen Umbruchs 1989/90 auf dem Programm.


Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine (damals Sowjetunion) der schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie. Im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl kam es durch menschliche Fehler und technische Mängel zu einer Explosion des Reaktors. Durch den Unfall entwich eine große Menge radioaktiver Stoffe in die Umwelt, die mit dem Wind weit verteilt wurden und sich auch in Deutschland ablagerten.

Während in der Bundesrepublik monatelang eine zum Teil verwirrende Nachrichtenflut die Öffentlichkeit beherrschte, wurden in der DDR Informationen über das Unglück nur zögerlich in Umlauf gebracht und Fakten heruntergespielt oder ganz verschwiegen.

Auch in der DDR hatte die Kernenergienutzung 1957 mit der Inbetriebnahme des Forschungsreaktors Rossendorf bei Dresden frühzeitig begonnen. Die Atomeuphorie der frühen 1960er Jahre strebte anfangs ehrgeizige Ziele des raschen Ausbaus der Kernenergie an. Wie in anderen Ländern aber wurden die Investitionskosten und die technischen Probleme der Kernenergienutzung unterschätzt.

1966 begann mit der Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Rheinsberg, das ursprünglich bereits 1961 ans Netz gehen sollte, die Kernenergienutzung in der DDR. Das KKW Rheinsberg diente vor allem Forschungs- und Ausbildungsstätte für spätere Großkernkraftwerke, der 70-MW-Reaktorblock produzierte aber auch Energie. Von 1973 bis 1979 entstanden das Kernkraftwerk Lubmin bei Greifwald mit vier Reaktorblöcken. Obwohl zeitweilig bis zu 10.000 Arbeitskräfte auf der Baustelle tätig waren, gelang es bis zum Ende der DDR nicht, den 5. Block in Betrieb zu nehmen. Das letzte Projekt der DDR-Kernenergiewirtschaft blieb eine Investruine. Das KKW Stendal, 1974 begonnen, konnte bis 1989 nicht fertig gestellt werden.

Die Kernenergiekritik in der DDR vor Tschernobyl war überschaubar. Doch nach der Reaktorkatastrophe formierte sich auch in der DDR eine kritische Antiatomkraft-bewegung. Vor allem im Umfeld der Kirche entstanden Papiere, die eine für DDR-Verhältnisse erstaunliche Verbreitung erfuhren.

Das eine befasste sich mit dem Uranbergbau der DDR in der so genannten Wismut. Der Autor Michael Beleites recherchierte mit hohem persönlichem Risiko und schrieb die erste Studie in der DDR, die sich mit diesem politisch hochbrisanten Thema befasste. Die „Pechblende“ erschien 1988, musste mehrfach auf Wachsmatrizenmaschinen nachgedruckt werden und ging von Hand zu Hand.

Das zweite umfangreiche Vorhaben war die Studie „Energie und Umwelt“, die im
Auftrag des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR von dem Mathematiker J. Listing und dem Physiker Sebastian Pflugbeil erarbeitet wurde und eine sehr kritische Beschreibung der Tschernobylkatastrophe enthielt.

Im Zuge des Umbruchs 1989/90 gelang der radikale Ausstieg aus der Kernenergienutzung im Osten Deutschlands. So setzte sich Sebastian Pflugbeil als Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung für die Stilllegung der KKW in DDR ein. Am 18.12.1990 wurde der letzte Kernkraftwerksblock auf dem Gebiet der alten DDR außer Betrieb genommen. Innerhalb von nur wenigen Monaten wurden sechs laufende Reaktoren abgeschaltet, der Bau von fünf weiteren abgebrochen und die Pläne für zwei weitere KKW-Standorte aufgegeben.

28. Mai 2009
Zwischen den Zeilen –
Umweltpolitik und Medien



Gesprächsgäste:

Dr. Hans Reichelt (ehem. Umweltminister der DDR)

Helga Frankenstein (Journalistin, ehem. Redaktion „Der Morgen“)

Dr. Harro Hess (Journalist, ehem. Radio DDR II)

Günter Lippmann (Regisseur, DEFA-Studio für Dokumentarfilme)

Hartmut Sommerschuh (ehem. Redaktion Kreisläufe, DDR-Fernsehen)

Moderation: Hellmuth Henneberg



Zum Thema des Gesprächs:

Im Rahmen der Gesprächsreihe stand an diesem Abend ein Rückblick auf die Umweltpolitik in der DDR und die Bemühungen wie die Schwierigkeiten, dieses Thema in den Medien aufzugreifen, auf dem Programm. Die restriktive Informationspolitik wie auch die 1982 erlassene Verordnung zur Geheimhaltung von Umweltdaten verhinderten eine offene Berichterstattung. Dennoch gab es vielfältige Bemühungen und Versuche von Journalisten, das Thema Umwelt in Presse, Funk und Fernsehen aufzugreifen.

Kaum ein Thema ist so widersprüchlich und umstritten wie die Frage, was die DDR auf umweltpolitischen Gebiet vollbracht bzw. nicht vollbracht hat. Positiven Stichworten wie Naturschutz, SERO oder die geringere Verkehrsbelastung und Zersiedelung stehen negative wie die hohe Wasser- und Luftbelastung durch technisch veraltete Industrieanlagen, hohe Schwefeldioxidbelastungen und Waldsterben infolge der Braunkohleverbrennung oder die Auswirkungen des Uranbergbaus in der Wismut gegenüber.

Die Umweltpolitik in der DDR begann 1968 mit der Verankerung des Schutzes der Natur in die Verfassung und damit früher als in der BRD. Als zweites Land in Europa nach Schweden erließ die DDR mit dem Landeskulturgesetz (1970) ein umfassendes Umweltrahmengesetz, das in den folgenden Jahren durch Einzelverordnungen oder ökonomische Instrumente wie dem Staub- und Abgasgeld, dem Abwassergeld oder der Bodennutzungsgebühr weiter konkretisiert wurde. Bereits 1971 wurde ein Ministerium für Umwelt und Wasserwirtschaft gegründet.

Nach dieser durchaus erfolgreichen institutionellen Aufbauphase setzte aber ab Mitte der 1970er Jahre vor dem Hintergrund der Ölpreiskrise eine Wende ein. Die Umweltpolitik wurde mehr und mehr ökonomischen, außenpolitischen und auch sozialpolitischen Erwägungen untergeordnet. Die einseitige Ausrichtung der Energiewirtschaft auf die heimische Braunkohle ab 1979 und die Produktion in technisch überholten Industrieanlagen führten zu hohen Luft- und Wasserbelastungen. 1982 wurde ein Beschluss über die Geheimhaltung von Umweltdaten erlassen.

Eingebunden in die Zwänge staatlicher Informationspolitik bemühten sich in den 1980er Jahren viele Journalisten und Publizisten, Umweltthemen kritisch aufzugreifen. So arbeitete der Regisseur Günter Lippmann seit 1983 eine Dokumentarfilm über das Waldsterben, der aber erst 1990 erscheinen konnte. Im August 1989 wurde die Sendung „Kreisläufe“ des DDR-Fernsehens abgesetzt, in der zuvor regelmäßig Beiträge über Wassereutrophierung, Bodenerosion, Flurmelioration und andere Umweltthemen gezeigt wurden.

Die restriktive Informationspolitik in Bezug auf Umweltthemen wurde Ende 1980er Jahren immer offener kritisiert. 1989/1990 wurden im Zuge des gesellschaftlichen Umbruchs die Umweltdaten endlich offen gelegt. Es zeigte sich, dass die Vernachlässigung des Umweltschutzes in einigen Bereichen zu gravierenden Umweltproblemen geführt hatte. Dazu zählten die im internationalen Vergleich extrem hohen Schwefeldioxid-Emissionen, die eine Schädigung vieler Waldflächen nach sich zogen.

Die Gewässerverschmutzung war, insbesondere im Süden der DDR, sehr hoch: Von den 16,6 Mio. Einwohnern erhielten 9,6 Mio. zeitweise oder ständig qualitativ beeinträchtigtes Trinkwasser. Weitere Umweltprobleme waren die zahlreichen Altlastverdachtsflächen, eine große Zahl wilder Müllkippen wie auch die Folgen des Uranbergsbaus der Wismut.

Als Pluspunkt in der Vergleichsbilanz ist allerdings zu vermerken, dass die DDR nach 1979 den Gütertransport auf der Straße drastisch verringert hatte. Vergleichsweise günstig entwickelte sich auch die Wiederverwertung von Rohstoffen (SERO-System). Im Industrieländervergleich ungewöhnlich war die Flächenentwicklung. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche blieb seit 1970 aufgrund staatlicher Regulation (Bodennutzungsverordnung, Bodennutzungsgebühr) nahezu konstant, während sie in der BRD stark zunahm (derzeit 12,7 Prozent der Landesfläche). Im internationalen Vergleich hoch war auch der Anteil an Naturschutzflächen in der DDR.


Treffen der Stadtökologie-Gruppen

7. Oktober 1989 in Potsdam Foto: C. Linke

25. Juni 2009
Von der Opposition zum
Runden Tisch
Umweltbewegung in der Wendezeit

Gesprächsgäste:

Matthias Platzeck (Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Mitbegründer von ARGUS Potsdam und Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung)

Prof. Dr. Michael Succow (Biologe, Initiator des Nationalparkprogramms der DDR),

Carola Stabe (Mitbegründerin von ARGUS Potsdam),

Klaus Schlüter (ehem. Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung, Vorsitzender Grüne Liga e.V.),

Dr. Hannelore Gilsenbach (Biologin und Publizistin)


Moderation: Hellmuth Henneberg


Zum Thema des Gesprächs:

Von der Umweltbewegung in der DDR gingen wichtige Impulse für den Herbst 1989 aus. Viele Bürger begannen sich in den 1980er Jahren angesichts zunehmender Umweltprobleme im Kulturbund oder in kirchlichen Umweltgruppen zu engagieren.

Ab Mitte der 1980er Jahre gründeten sich in der Gesellschaft für Natur und Umwelt des Kulturbundes in vielen Städten Interessengemeinschaften für Stadtökologie. Ähnlich wie die Bürgerinitiativen in der Bundesrepublik verstanden sich diese als umweltpolitische Gruppen und wurden schnell zu einem Sammelbecken oppositionell denkender Menschen.

In Potsdam wurde im April 1988 unter dem Dach des Kulturbundes die Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (ARGUS) gegründet, deren erste Vorsitzende Carola Stabe war. Bis zur Wende wurde die Arbeitsgemeinschaft wegen ihrer kritischen Arbeit von der Stasi argwöhnisch beobachtet.

Am 7./8. April und am 7./8. Oktober 1989 organisierte ARGUS DDR-weite Vernetzungstreffen der Stadtökologiegruppen in Potsdam. Die am 7. Oktober verabschiedete Willenserklärung der Teilnehmer des Treffens spiegelt die Betroffenheit in diesen Tagen angesichts der sich zuspitzenden Entwicklungen eindruckvoll wider:

„Wir, die Vertreter von 26 Arbeitsgemeinschaften des Kulturbundes aus großen Städten unseres Landes, die auf den Gebieten des Umweltschutzes, der Stadtökologie und der Stadtgestaltung tätig sind, haben während unseres Treffens in Potsdam am 7. und 8. Oktober 1989 einen Erfahrungsaustausch durchgeführt. … Wir sind am Tage des 40. Geburtstages unserer Republik betroffen, traurig und wütend über den Zustand unseres Landes. Das Gehen vieler ist für uns Ausdruck der Enttäuschung und der Abkehr, die schon seit Jahren Teile der Bevölkerung erfasst haben. Wir sind von Unehrlichkeit umgeben, wo Aufrichtigkeit lebenswichtig wäre. Wir müssen feststellen, daß Engagement und Sorgen um unser Dasein und das unserer Kinder bagatellisiert oder gar kriminalisiert werden…“


In den darauf folgenden Wochen überschlugen sich die Ereignisse. Am 15. November kam es auf der Sitzung des Zentralvorstandes der Gesellschaft für Natur und Umwelt zum Bruch der Stadtökologiegruppen mit dem Kulturbund. Im gleichen Monat spalteten sich Teile der ostdeutschen Umweltbewegung in die „Grüne Partei der DDR“ und die „Grüne Liga“ auf, die als Dach und Netzwerk für die zahlreichen Umweltgruppen fungieren sollte. Der Gründungskongress der Grünen Liga fand am 3. Februar 1990 im Clubhaus der Bunawerke in Schkopau statt.

Die Grüne Partei war ab Dezember 1989 am Runden Tisch vertreten. Von Februar bis April 1990 beteiligte sich die Partei an der „Regierung der Nationalen Verantwortung“ unter Hans Modrow, einer Koalition von SED, Blockparteien sowie den neuen politischen Gruppierungen und Parteien der DDR. Die Grüne Partei entsandte Matthias Platzeck, zuvor Sprecher der Grünen Liga, als Minister in die Modrow-Regierung. Vertreter der Grünen Liga am Runden Tisch, ab Februar dann ebenfalls Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung, wurde der Schweriner Umweltaktivist Klaus Schlüter.

In die bewegte Zeit des Herbstes 1989 gehen auch die Anfänge des Nationalpark-programms der DDR zurück, das von dem Biologen und LDPD-Volkskammer-abgeordneten Michael Succow auf den Weg gebracht wurde. Succow war von Januar 1990 bis Mai 1990 als Naturschutzexperte stellvertretender Umweltminister der DDR.

Schon im März 1990 machte sich unter Umweltbewegten aber Ernüchterung breit. Die Grüne Partei erzielte bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 nur 2 Prozent der Wählerstimmen, Michael Succow verließ im Mai 1990 das Umweltministerium und neben der Grünen Liga etablierten sich nun bundesdeutsche Umwelt- und Naturschutzverbände, die rasch Mitglieder gewannen.

Die Impulse, die von der ostdeutschen Umweltbewegung ausgingen, wirkten dennoch weit über die ereignisreiche Zeit des Herbstes 1989 hinaus und beeinflussten die Umwelt- und Naturschutzpolitik in den neuen Bundesländern nach 1990.